WienTourismus

Interview mit Ines Spiessberger, Park Hyatt Vienna

Corona hat viele Menschen, die eine Tourismusausbildung angestrebt hatten, verunsichert. Was spricht 2023 noch für das Berufsfeld Tourismus/Hotellerie? Welche Chancen haben sich aber auch durch die Pandemie ergeben?

Corona war für sämtliche Berufsfelder ein Ausnahmezustand. Die Erholungsphase im Tourismus verlief jedoch weitaus schneller als in anderen Branchen. So hat sich die Branche durch die Pandemie schneller den Themen Homeoffice, Remote Work, 4-Tage-Woche, Work-Life-Balance/Work-Life-Integration etc. geöffnet und ist dadurch noch arbeitnehmerfreundlicher geworden. Jetzt gilt es, das Vertrauensverhältnis bei Mitarbeiter:innen wieder aufzubauen bzw. weiter zu festigen. Die Möglichkeiten, sich in „Wunschpositionen“ zu entwickeln und sich vor allem weiterzuentwickeln, war nie größer als jetzt.

Wie haben sich die Anforderungen an Mitarbeiter:innen aber auch vice versa an Unternehmen im Tourismus durch Corona verändert?

Der Bereich Tourismus, speziell die Hotellerie, war längst nicht untätig in den letzten Jahren. Nicht nur Corona – auch die ständig neu zu denkende Arbeitswelt – hat uns schon früh dazu veranlasst, interne Prozesse wie flexible Arbeitszeiten neu zu denken, die Ausgaben für Weiterbildungen zu erhöhen, Digitalisierung voranzutreiben und allgemein die Kommunikation zu optimieren.

Vice versa sieht das ähnlich aus: Viele Mitarbeiter:innen wurden auf Remote Work und flexible Arbeitszeiten umgestellt, denn auch Mitarbeiter:innen müssen (digitalen) Trends folgen und sich der Flexibilität in unterschiedlichen Bereichen anpassen. Überhaupt – weg von E-Mails und Telefonaten – werden Mitarbeiter:innen künftig neue Wege der Kommunikation gemeinsam mit Unternehmen gehen. Auch gibt es die Möglichkeit, dass Karrierewege selbst gestaltet werden können und es nicht mehr nur „den einen Weg“ gibt, Führungskraft zu werden. Da dies oft in viel kürzeren Zeitabständen geschieht – als wir das noch aus der Vergangenheit kennen – müssen insbesondere Social Skills schneller erlernt und trainiert werden.

Wir sprechen längst nicht mehr von einem Fachkräftemangel, sondern von einem Arbeitskräftemangel, der auch vor dem Tourismus nicht Halt macht. Wie begegnet man dem auf betrieblicher Ebene?

Der Arbeitskräftemangel ist nicht mehr nur ein Problem bestimmter Branchen, sondern ein branchenunabhängiges, weltweites Problem. Daraus ergeben sich diverse Herausforderungen speziell für den Bereich Tourismus/Hotellerie: Angebotsreduzierung, Prozessauslagerung, Überlegung diverser Geschäftsmodelle bis hin zu Teilschließungen von Betrieben. Auch wenn sich bei den politischen Rahmenbedingungen bereits viel getan hat, werden Verbesserungen (wie z.B bei den Verfahren der Rot-Weiß-Rot-Karte, Zugangskriterien für Fachkräfte etc.) weiterhin notwendig sein. Wie bereits bereits erwähnt, sind die Betriebe in diversen Bereichen deutlich arbeitnehmerfreundlicher geworden. Wir merken bereits, wie dies von aktuellen Mitarbeiter:innen aber auch Bewerber:innen positiv wahrgenommen wird.

Das Thema Employer Branding ist in aller Munde. Inwiefern ist die Weiterbildung der eigenen Mitarbeiter:innen eine Möglichkeit, diese an sich zu binden?

Bei Hyatt leben wir unseren Leitsatz „we care for people so they can be their best – auch in den Bereichen Wellbeing, Mentorship, Weiterbildung und Leadership. Wir tun dies, indem wir Menschen als Individuen sehen, damit wir persönliche Erlebnisse für sie entwerfen können. Und dies nicht nur, weil wir neben den sogenannten Quereinsteigern auch Mitarbeiter:innen unterschiedlichster Kulturen und fachlicher Bereiche beschäftigen, sondern auch, weil hier eben jede:r ihren:seinen ganz individuellen Weg gehen möchte. Die aktuellen Jugendlichen, Generation Z beispielsweise, legen großen Wert auf freie Entfaltung und möchten sich „ausprobieren“. Langfristig festigt der individuelle Weg nicht nur das Employer Branding, sondern sorgt eben auch dafür, dass Mitarbeiter:innen durchschnittlich länger bei einem Unternehmen bleiben – auch wenn wir in der Hotellerie weiterhin mit einer hohen Fluktuation rechnen müssen.

Was können Sie sich von Studierenden mit Abschluss an einer Wiener Bildungseinrichtung erwarten? Was zeichnet diese Studierende im internationalen Vergleich aus?

Studierende der FH Wien oder Modul University zeichnen sich nicht nur durch eine Expertise der jeweiligen Studieninhalte, sondern auch durch besonders ausgeprägte Soft Skills aus. International sind Abschlüsse dieser Wiener Bildungseinrichtungen hoch angesehen und begehrt. Dadurch eröffnen sich zahlreiche Karriere- und Aufstiegsmöglichkeiten. Dass Österreich im internationalen Vergleich den fünfthöchsten Anteil internationaler Studenten an den eigenen Hochschulen hat, spricht für sich. Am Ende lohnt es sich immer, in die eigene Aus- und Weiterbildung zu investieren.

Wie kann die Branche mit Bildungseinrichtungen wie der FH Wien/ Modul University kooperieren?

Engmaschige Verbindungen zwischen Bildungseinrichtungen und der Branche sind immer von Vorteil – für beide Seiten. Dennoch muss der zeitliche Aufwand auch für beide Bereiche passen. Hier gibt es weiterhin Optimierungsbedarf in der Abstimmung und auch in Zukunft gilt, nicht nur „seine eigene Suppe kochen“, sondern weiterhin kreativ über Kooperationsmöglichkeiten sprechen. Je früher die Unternehmen damit beginnen, sich dem Thema zu öffnen, desto früher begeistern wir Studierende für unsere Branche und hindern sie daran, in andere Industriezweige „abzuwandern“. In Wien funktioniert diese Abstimmung aktuell sehr gut. Diverse Kooperationen gibt es auch bei uns im Haus und sie funktionieren sehr gut.

Was sollten Menschen, die eine Karriere im Tourismus anstreben, beachten? Haben Sie einen Geheimtipp?

Flexibilität! Beispiel: Der Concierge übernimmt Aufgaben an der Bar oder der Techniker hilft bei einer Gruppenanreise. Es ist weniger ein Geheimtipp als ein gut gemeinter Ratschlag, sich auf solche wiederkehrenden Ausnahmen einzulassen. Manchmal ergeben sich dadurch neue Ansichten oder berufliche Wege. Man hört nie auf dazuzulernen und dies kann nur Vorteile bringen.

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