WienTourismus

Interview mit Florian Aubke, FHWien der WKW

Corona hat vielen Menschen, die eine Tourismusausbildung angestrebt hatten, verunsichert. Warum empfehlen Sie im Jahr 2023, auf dem Weg aus der Pandemie, diesen Ausbildungsweg doch einzuschlagen?

Das Argument allein, dass der Tourismus durch seine Vielfältigkeit und Internationalität viele Jobmöglichkeiten bietet, zieht nicht mehr. Dass der Tourismus aber in den nächsten Jahren enorme Gestaltungsmöglichkeiten bietet, ist für mich das Hauptargument, eine Ausbildung im Tourismus in Erwägung zu ziehen. Mit dem Abklingen der Pandemie wurde schnell deutlich, dass der Tourismus wieder an Fahrt gewinnt. In vielen Destinationen sind Ankünfte, Übernachtungen und Umsätze wieder mit jenen vor der Pandemie vergleichbar. Damit hat sich der Tourismus tatsächlich als resilienter herausgestellt, als von vielen erwartet. Die Befürchtung, dass der Tourismus langfristige Schäden davonträgt, und somit auch die Arbeitsplätze und mögliche Karrierewege davon negativ beeinflusst werden, hat sich als haltlos herausgestellt. Vielmehr sind wir jetzt in einer Situation, in der gut ausgebildete Mitarbeiter:innen einen Arbeitsmarkt vorfinden, der sie mit offenen Armen empfängt. Fast noch wichtiger als gesicherte Arbeitsplätze finde ich allerdings, dass der Tourismus mit ganz neuen Herausforderungen aus der Pandemie kommt, die für junge Absolvent:innen einen enormen Gestaltungsspielraum bieten. Dass der Tourismus gerade für Österreich einen zentralen Wirtschaftsfaktor darstellt, der auch gefördert gehört, ist nun weitgehend unbestritten. Dass aber ein zukunftsfähiger Tourismus nachhaltig und digital sein muss, hat sich erst durch die Pandemie und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des letzten Jahres ergeben. Hier braucht es neue Ansätze, Ideen und einen Gestaltungswillen. Ich habe die Hoffnung, dass sich der Tourismus durch und mit den jungen Absolvent:innen positiv entwickeln wird.

Welche Menschen braucht es im Tourismus? Welche Eigenschaften sollten Studierende mitbringen für einen Beruf in dieser Branche?

Der Tourismus ist und bleibt eine Dienstleistungsbranche. Damit sind natürlich Eigenschaften wie Interesse am Menschen (Kund:innen und Mitarbeiter:innen), Empathie und Kommunikationsfähigkeit nach wie vor sehr gefragt. Motivation, Flexibilität und Durchhaltevermögen sind zwar nicht tourismusspezifisch, helfen aber durchaus. Was zunehmend wichtig wird, ist ein technisches Grundverständnis. Die digitale Transformation ist im Tourismus angekommen und wird noch grundlegende Veränderungen nach sich ziehen. Es bedarf aber Mitarbeiter:innen in den Betrieben, die digitale Veränderungsprozesse begleiten und Lösungen sinnstiftend einsetzen.

Welche touristischen Aus- & Weiterbildungsangebote offeriert die FHWien konkret? Haben sich diese Angebote mit Corona (inhaltlich) verändert?

Wir sind die einzige Hochschule in Österreich, die ab diesem Jahr das Bachelorstudium Tourismus-Management auch als duales Studium anbietet. Bei diesem Studium wechseln sich Theorie- und Praxisphasen ab – unsere Absolvent:innen können ein vollwertiges Bachelorstudium und bereits zwei Jahre relevante Berufserfahrung vorweisen. Parallel bieten wir das sechs-semestrige Bachelorstudium Tourismus-Management auch weiterhin in der Vollzeitvariante an, um all jenen ein Studium zu bieten, die sich Studieninhalte primär theoretisch erschließen möchte, ohne auf eine Auslandskomponente zu verzichten. Unser vier-semestriges Masterstudium Urban Tourism & Visitor Economy Management setzt sich mit der Gestaltung eines nachhaltigen Städtetourismus auseinander. Unser Weiterbildungslehrgang HR im Tourismus richtet sich hingegen an all jene Touristiker:innen, die sich aufgrund ihrer Rolle im Unternehmen mit HR-Agenden beschäftigen müssen, aber nie die Chance hatten, sich in diesem Bereich professionell weiterzubilden. Innerhalb der Programme werden die Lehrinhalte von uns in einem Turnus von fünf Jahren überarbeitet. So haben wir unser Bachelorprogramm gerade signifikant geändert, um z.B. die Entwicklung von Datenkompetenz, Kreativität und das Verständnis für digitale Transformationsprozesse besser abbilden zu können.

Wie hebt sich ein Abschluss an der FHWien von anderen ab? Welchen Mehrwert bieten Sie den Studierenden?

Die FHWien der WKW hat ein ganz klares Bekenntnis zur (lokalen) Wirtschaft und bietet daher den Studierenden eine praxisorientierte Ausbildung an. Wir stützen uns dabei auf ein großes professionelles Netzwerk, von dem die Studierenden vielfach profitieren. Einerseits arbeiten wir eng mit Unternehmen im Lehr- und Forschungsbereich zusammen, in dem wir z.B. regelmäßig Praxisprojekte mit Unternehmen umsetzen und Exkursionen ein fixer Bestandteil unserer Ausbildung ist. Andererseits animieren wir Studierende (und Absolvent:innen) dazu, sich frühzeitig in unseren Netzwerken zu engagieren.

Was kann sich die Branche von Studierenden erwarten, die bei Ihnen erfolgreich ihren Abschluss machen?

Eine Hochschulausbildung erfüllt selten den Zweck, Fähigkeiten für den Jobeinstieg zu vermitteln. Trotzdem verfügen unsere Absolvent:innen über Kompetenzen, die den Berufseinstieg erleichtern. Zunächst haben sie ein stringentes Aufnahmeverfahren durchlaufen. Über drei Jahre (im Bachelor) bzw. zwei Jahre (im Master) die Motivation nicht zu verlieren, sondern viel mehr eine Eigenständigkeit für den Lernerfolg zu entwickeln, ist eine Fähigkeit, die fast nur durch ein Studium erlangt werden kann. Unsere Absolvent:innen haben sich im Laufe des Studiums mit sehr konkreten Herausforderungen beschäftigt und sich so eine Problemlösungskompetenz auch für komplexe Situationen erarbeitet. Sie können vernetzt denken und sind in der Lage konkrete Handlungsempfehlungen zu geben. Durch den frühen Kontakt zur Tourismusindustrie haben unsere Absolvent:innen auch wichtige soziale Kompetenzen für ein professionelles Auftreten entwickelt.

Wie kann sich die Branche an der FHWien engagieren?

Wir können uns zum Glück über einen regen Austausch mit der Industrie nicht beklagen. Dies betrifft sowohl Lektor:innen, die aus der Wirtschaft kommen, als auch Unternehmen die sich mit Praxisprojekten im Studienbereich engagieren. Unsere Studierenden bekommen regelmäßig Einladungen zu Branchenevents und durch ein großes Netzwerk an Alumni in der lokalen Wirtschaft fällt auch der Berufseinstieg nicht schwer. Mir fällt auf, dass die Bereitschaft, auch eine aktive Rolle in der hochschulischen Ausbildung zu spielen, in den letzten Jahren größer geworden ist. So haben wir z.B. bereits eine große Zahl an Praxispartnern für unser duales Studium, welche bereits die Zahl der Studienplätze in dem Studienprogramm übersteigt. Wo ich noch Potential sehe, ist in der Ausarbeitung gemeinsamer Weiterbildungsprogramme. Die Branche kennt die brennenden Probleme am besten, die Kernkompetenz der Hochschule ist hingegen die pädagogische Aufbereitung.

Inwiefern ist ein Studienangebot eine Möglichkeit, Mitarbeiter:innen zu binden und weiterzubilden?

Ich bin überzeugt davon, dass gerade ein duales Studium eine hervorragende Möglichkeit bietet, aktiv in die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter:innen zu investieren. Neben der klassischen Lehrlingsausbildung bietet sich hiermit die Möglichkeit, jungen Menschen, die bereits ein Hochschulstudium absolvieren, geeignete Einblicke in die Branche zu geben. Somit werden die Studierenden bereits während des Studiums über zwei Jahre kontinuierlich an ein Unternehmen gebunden. Dadurch entwickelt sich nicht nur ein gegenseitiges Verständnis, es passen sich auch Erwartungshaltungen auf beiden Seiten an. Zusätzlich bietet eine Reihe von berufsbegleitenden Angeboten die Möglichkeit, Mitarbeiter:innen zu fördern. Die Förderung geschieht primär durch zeitliche Freistellung der Mitarbeiter:innen um z.B. das geblockte Masterstudium Urban Tourism & Visitor Economy Management zu absolvieren.

Wie sieht die Zukunft touristischer Ausbildungen aus?

Ich sehe eine zunehmende Flexibilisierung der touristischen Ausbildung auf uns zukommen. Das macht sich in der Vermittlung von Lehrinhalten bemerkbar, wo wir kaum noch an digitaler bzw. hybrider Lehre vorbeikommen. Ich stelle in Frage, ob das Konzept der starren Regelstudienprogramme mit weitgehend fixer Studiendauer an einer Hochschule zukunftsfähig ist. Eine Vielzahl von zeit- und ortsunabhängigen Weiterbildungsmöglichkeiten, gepaart mit Microlearnings in den Betrieben lässt mich erwarten, dass es in Zukunft Bildungsanbieter geben wird, deren Ziel es ist, ein gesammeltes Bildungsportfolio zu validieren und dadurch mit einem ordentlichen Abschluss zu versehen. Außerdem hoffe ich, dass wir vermehrt sektorenübergreifende Bildungsangebote sehen, bei denen z.B. Tourismuskollegs mit Hochschulen Angebote schaffen können, um nahtlose Übergänge in den Bildungshistorien zu schaffen. Durch die nun auch gesetzlich verankerte Möglichkeit, vermehrt beruflich erworbene Kompetenzen für ein Studium anrechnen zu lassen, wird der Hochschulzugang weiter geöffnet.

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