v.l.n.r. : Tanja Tomic, Geschäftsführerin der Fa. Strukt, Norbert Kettner, Direktor WienTourismus, Wiener Künstler Alex Kiessling

Weltpremiere: „Long Distance Art“ aus dem „Global.Studio.Vienna“

Im Bild v.l.n.r.: Tanja Tomic, Geschäftsführerin der Fa. Strukt, Norbert Kettner, Direktor WienTourismus, und der Wiener Künstler Alex Kiessling (sitzend)

Werke von Alex Kiessling waren schon bei Kunstmessen in Rom, Mailand und Peking sowie Ausstellungen in Berlin, Shanghai und Miami zu sehen, und er hat sie alle „im Alleingang“ geschaffen. Bei der Aktion „Long Dis­tance Art“ hatte er allerdings zwei schwergewichtige „Assistenten“: 2,8 Meter große und 435 kg schwere In­dustrie-Roboter auf einem 7 Tonnen schweren Fundament, die, während er in der zum „Global.Studio.Vienna“ umfunktionierten Ovalhalle des Museums­Quartiers arbeitete, seine Strichführung übernahmen und seine Zeichnung vor Publikum auf Londons Trafalgar Square und Berlins Breitscheidplatz gleichzeitig entstehen ließen. Ermöglicht wurde dies durch ein äußerst an­spruchsvolles Software-System, entwickelt von der Mediendesign-Agentur Strukt, das alle Zeichenbewegungen Kiesslings mit Sensoren erfasste und via Satellit an die beiden Technik-Kolosse in Berlin und London übertrug. In allen drei Städten ließ sich das Geschehen an den jeweils anderen beiden Standorten auf Screens live mitverfol­gen, und Moderatoren kommentierten die Übertragungen.

Kiessling fertigte im MuseumsQuartier drei Zeichnungen an: Das künstlerische Resultat werden schließlich drei großformatige Triptychen (jedes im Ausmaß 3,6 x 1,2 Meter) sein, zu dem die in den drei Städten entstandenen Teile später zusammengeführt werden. Sie sollen in der Folge samt ihrer auf Video doku­mentierten Genese sowohl von Museen bzw. Galerien für zeitgenössische Kunst, als auch im Bereich der Indu­strie ausgestellt werden. Denn die „Long Distance Art“ ist nicht nur in der Kunst eine Weltpremiere, sondern auch in der Technologie, wurden die von der Firma ABB hergestellten Roboter doch bisher nur im Industrie-Alltag ein­gesetzt.

Die Gegenwartskunst schafft das historische Erbe der Zukunft

Initiator der Kunstaktion ist der WienTourismus, dessen Engagement im Rahmen der „Long Distance Art“ Tourismusdirektor Norbert Kettner so begründet: „Nachdem wir voriges Jahr anlässlich der 150. Wiederkehr des Geburtstags von Gustav Klimt eine historische Kunstepoche in den Mittelpunkt unseres weltweiten Destina­tionsmarketings gestellt haben, wollen wir heuer einen Kontrapunkt dazu setzen, indem wir verstärkt Wiens zeitge­nössische Kunstszene in den Vordergrund stellen. Wir haben bereits in der Collectors Lounge der Art Basel mit einem von der Kunsthalle Wien kuratierten ,Wiener Salon‘ ein deutliches Statement zur Wiener Gegenwartskunst gegeben, nun gehen wir etwas aktionistischer vor. Dabei lassen wir der Kunst den Vortritt, indem wir sie zur Hauptbotschaft machen, hinter die die Destinationswerbung zurücktritt. Wiens historisches Kulturerbe ist welt­berühmt, seine aktuelle Kunst hat noch nicht so lange Zeit gehabt, diese Bekanntheit zu erringen, doch sie prägt die Stadt im Hier und Jetzt und schafft gerade die Grundlagen dafür, wie man das Wien des 21. Jahrhunderts in späteren Epochen wahrnehmen wird. Außerdem ist sie unentbehrlich für ein authentisches Wien-Erlebnis, auch darum sehen wir es als unsere Aufgabe, sie hervorzuheben, wenn wir dem internationalen Publikum die Attrakti­vität unserer Destination vor Augen führen. Zusätzlich bietet uns die ,Long Distance Art‘ Gelegenheit, Wiens Leistungsvermögen als ,smart city‘ überzeugend zu demonstrieren. Was Alex Kiessling kreieren wird, wissen wir noch nicht, denn wir lassen ihm jede künstlerische Freiheit und stellen lediglich die technischen Mittel zur Verfü­gung. Diese sind in der vorliegenden Anwendung gänzlich unerprobt, und das ganze Unterfangen ist deshalb auch mit einigen Risiken behaftet. Ich danke Herrn Kiessling für seinen Mut es trotzdem zu wagen.“

Original und Klon verschmelzen zu einem Gesamtwerk

Ein künstlerisch interessanter Aspekt der Aktion ist unter anderem auch jener der Abgrenzung zwischen Original und Kopie, denn die via Roboter entstehenden Zeichnungen weichen – wenn auch nur geringfügig – von jenen ab, die Kiessling eigenhändig zu Papier gebracht hat. Der Künstler dazu: „Natürlich arbeitet jede der Maschinen nach meinen Bewegungen und meiner Linienführung. Trotzdem kommt es zu deutlichen Unterschieden, die aber ihren eigenständigen Reiz haben. In der Testphase zum Projekt ‚Long Distance Art‘ drängte sich mir mehr und mehr der Gedanke auf, dass die Maschinenzeichnungen mehr den Charakter eines Klonens aufweisen, als den einer simplen Kopie. Speziell in der finalen Anordnung als Triptychon, in welcher sich Original und ‚Klon‘ direkt aneinander reihen, wird deutlich, dass es sich um eine singuläre Arbeit handelt, deren Herstellungsprozess einfach nur ein komplett neuartiger war.“

Schnittstelle zwischen Kunst und Technologie

Eine besondere Herausforderung war die „Long Distance Art“ auch für Strukt, die Mediendesign-Agentur, die das hochkomplexe Software-System dafür entwickelt hat. Geschäftsführerin Tanja Tomic schildert: „Bei dieser Aktion war uns sofort klar, dass es eine einzigartige Chance ist, an der Schnittstelle zwischen Kunst und Technologie in unserer Stadt und über ihre Grenzen hinaus mitzuwirken. Wir haben uns zu keinem Zeitpunkt vorgemacht, dass eine Zweckentfremdung hochtechnologischer Industrieroboter ohne Hürden möglich sein wird. Gleichzeitig wussten wir, dass gerade im Experimentieren und in dieser Herausforderung eine große Innovationskraft steckt. Nach einigen Gesprächen mit ABB und Roboter-ExpertInnen wussten wir ziemlich genau, was die Roboter extrem gut können – sehr schnell und präzise vorprogrammierte Bewegungen durchführen. Im Standardeinsatz führen diese Roboter beispielsweise Schweißarbeiten oder Palettierungsarbeiten durch. Was uns niemand sagen konnte, ist, was passieren würde, wenn man die Roboter in einer Art ‚Improvisationsmodus‘ mit dem Künstler begäbe. Denn zwischen vorprogrammierten und geplanten Bewegungen aus einem Softwareprogramm und den absolut unplanbaren Bewegungen eines Künstlers besteht ein großer Unterschied. Mehr als ein halbes Jahr Entwicklungszeit war nötig, um die Roboter zu Künstlerassistenten umzufunktionieren. Anfangs sträubten sie sich gegen den ungewohnten Einsatz. Die Kräfte, welche bei einem 435 Kilo schweren, 2,8 Meter großen Roboter auftreten, der sich zeitweise mit 7 Metern pro Sekunde durch den Raum bewegt, sind nicht zu unterschätzen. Auf der anderen Seite war die Schnittstelle zu Alex Kiessling ebenso spannend. Hier haben wir auch höchsten Wert darauf gelegt, dass das Trackingsystem seinen künstlerischen Ansprüchen gerecht wird. Zudem haben wir versucht, ihm eine große Bewegungsfreiheit bei seiner Arbeit zu ermöglichen. Als Alex das erste Mal in einer längeren Sitzung mit den Robotern wirklich ‚gearbeitet‘ hat und wir ab diesem Zeitpunkt als Zuseher Platz nahmen, war dies definitiv ein Gänsehaut-Moment, den wir nie vergessen werden.“

Vom „Ausstellungskatalog“ bis zur Nachnutzung

An das zur „Long Distance Art“ in Wien, Berlin und London erschienene Publikum verteilte der WienTourismus eine Broschüre, gleichsam als „Ausstellungskatalog“ zu dem Projekt (Gesamtauflage 2.000 Stück). Sie enthält auf Deutsch und Englisch die Beschreibung der Kunstaktion, Informationen zu den Robotern, ein Statement von Alex Kiessling sowie dessen Biographie und einen Kommentar von Christian Stadelmann, der die gerade im Technischen Museum Wien laufende Ausstellung „Roboter: Maschine und Mensch?“ kuratiert hat.

Begleitende Maßnahmen zur „Long Distance Art“ führte der WienTourismus bereits im Vorfeld in allen drei invol­vierten Städten mittels Pressearbeit sowie über das Internet, über Facebook, YouTube und Twitter durch. Die Aktion war außerdem über paralleles Live Streaming aus allen drei Standorten weltweit mitzuverfolgen (unter www.wien.info/longdistanceart). Auch für die Nachnutzung wird gesorgt werden, denn die von Alex Kiessling mit seinen „Hightech-Gehilfen“ geschaffenen Triptychen sollen zusammen mit der Videodokumentation ihrer Ent­stehung international ausgestellt werden. In Wien werden das Video und mindestens ein Triptychon zunächst bei der Wiener Tourismuskonferenz 2013 zu sehen sein, die am 15. Oktober in der Wiener Stadthalle stattfindet und unter dem Motto „Vienna grows smart“ steht.

In London fügt es sich übrigens günstig, dass bald nach der „Long Distance-Art“-Aktion die Kunststadt Wien gleich wieder präsentiert wird –  nahezu am selben Ort: Die National Gallery am Trafalgar Square zeigt von 9. Oktober 2013 bis 12. Jänner 2014 die Ausstellung „Facing the Modern: The Portrait in Vienna 1900“, zu der Wiener Museen zahlreiche Leihgaben beitragen.

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